Anatomie der Gefühle Wo spürt man welche Emotion?

Traurigkeit ist ein Kloss im Hals, die Wut sitzt im Bauch, Liebeskummer schmerzt im Herz. Dass dies nicht nur schöne Metaphern sind, konnten jetzt finnische Forscher zeigen. Sie haben eine Körperkarte der Gefühle erstellt. Darauf ist zu sehen, dass Emotionen wie Wut, Angst oder Freude tatsächlich in bestimmten Körperteilen spürbar werden.

 

Zu ihren Experimenten luden die Wissenschaftler von der Aalto University in Esbo 700 Probanden in ihr Labor ein. Dort präsentierten sie ihnen Wörter, Geschichten, Gesichter oder Filme, die bestimmte Gefühle wecken, eine Methode, die Emotions-forscher häufig einsetzten. Die Teilnehmer sollten genau in sich hineinspüren. Wo regte sich etwas, wenn sie sich freuten? Die Orte ihrer Gefühle markierten sie auf Silhouetten am Computer ein. Die Art der Empfindungen drückten sie durch Farben aus. Verspürten sie keine körperliche Aktivität, wählten sie Schwarz. Bei besonders heftigen Wallungen Gelb oder Rot. Über die Ergebnisse berichten die Forscher um Lauri Nummenmaa jetzt im Fachjournal PNAS.

 

Es zeigte sich, dass nur eine Emotion den ganzen Körper von den Zehen bis in die Kopfhaut befiel: Freude. Sahen oder hörten die Probanden etwas, das sie fröhlich stimmte, markierten sie den ganzen Körper mit warmen Farben. Ein Gefühl, bei dem noch nicht einmal die Liebe mithalten konnte, denn diese verspürten die Probanden überall, jedoch nicht in den Gliedmassen. Arme und Beine blieben von der Liebe unbeeindruckt. Ekel empfanden die Probanden vor allem im Mund und im Magen. Neid sitzt im Kopf. Bei Traurigkeit werden Beine und Arme schwach, denn die Teilnehmer färbten sie in kaltem Blau, die Brust dagegen feurig rot.

 

Enge in der Brust

Scham sieht auf der Anatomie der Gefühle fast genauso aus wie Überraschung. Beide befallen Kopf und vor allem die Wangen. Nicht umsonst bekommt man einen roten Kopf, wenn einem etwas peinlich ist oder Unerwartetes passiert. Angst verspürten die Probanden vor allem im Bereich des Oberkörpers, am stärksten in der Umgebung des Herzens.

 

Die Wahrnehmung der Gefühle entspricht messbaren Körperfunktionen, schreiben die Forscher. So verändern sich bei Angst vor allem Herzschlag und Atmung, was sich schwerpunkt-mässig im Oberkörper wahrnehmen lässt. Auch die Muskeln spannen sich dabei an. Wer Angst hat, meint keine Luft mehr zu kriegen, verspürt Enge in der Brust. Bei emotionalem Stress werden Herz und Kreislauf mit Hormonen überflutet. Adrenalin gelangt in die Blutbahn und wirkt auf Herz, Gefässe, Magen und Darm. Noradrenalin verengt kleine Arterien, so dass sich der Blutdruck erhöht. 

Zu rechten Zeit fliehen

Dass Liebeskummer vor allem das Herz befällt, spiegelt sich nicht nur in zahlreichen Redewendungen wie dem gebrochenen Herzen wider. Wissenschaftler sprechen in schweren Fällen tatsächlich von einem Broken-Heart-Syndrom, eine Krankheit, die erstmals in den 90er-Jahren beobachtet wurde. Patienten zeigten beispielsweise nach dem Ende einer Beziehung oder dem Verlust eines nahe stehenden Menschen, Symptome, die einem Herzinfarkt ähneln. Sie haben Schmerzen in der Brust. Es sticht im Herz.

 

Die emotionalen Muster traten unabhängig vom kulturellen Hintergrund der Probanden auf, die aus Nordeuropa, aber auch aus Ostasien stammten. Alle markierten ähnlich. Das spricht für ein interkulturelles Körpergefühl. Das Experiment funktionierte auch umgekehrt. Zeigte man Versuchspersonen am Computer nur die eingefärbten Körper-Silhouetten, konnten sie auch die dazu passenden Emotionen benennen. Ärger und Überraschung erkannten sie besonders zuverlässig.

 

„Emotionen regeln nicht nur unsere mentalen, sondern auch unsere körperlichen Zustände“, sagt Lauri Nummenmaa, Leiter der Studie. Sie bereiten den Menschen darauf vor, richtig zu reagieren. Aus evolutionärer Perspektive veranlassen Gefühle Menschen dazu, sich zu schützen, was letztendlich ihrem Überleben und ihrer Fortpflanzung dient: Zur rechten Zeit fliehen, angreifen, Nahrung suchen, sexuell aktiv werden. Gefühle helfen, eine Situation zu bewerten. Manchmal auch ganz unbewusst.

Der schwer fassbare Eindruck, dass etwas nicht stimmt oder genau richtig ist, lässt sich schliesslich auch im Körper lokalisieren. Entscheidungen trifft häufig das Bauchgefühl.

 

Emotionen haben nicht nur Signalwirkung für den Fühlenden selbst, sondern sind auch Botschaften für die Mitmenschen. Angst, Ärger, Freude oder Ekel werden für andere durch Mimik und Gestik sichtbar. Sie geben Antworten auf Fragen, wie: Muss ich Angst haben? Ist das Essen nicht gut? Das erleichtert das soziale Zusammenleben.

 

Ein bestimmtes Mimik-Repertoire ist allen Menschen auf der Welt gemeinsam. Das haben Studien gezeigt. Selbst Menschen, die von Geburt an blind waren, zeigen bei den sogenannten Basisemotionen Trauer, Ärger, Ekel, Angst, Überraschung und Freude dieselbe Reaktion im Gesicht, bei der fünf Muskelgruppen beteiligt sind.

 

Bei Angst werden zum Beispiel überall auf der Welt die Augenbrauen hochgezogen, die Augen aufgerissen und die Nasenflügel geweitet – das kann sehr auffällig passieren, aber auch nur ganz leicht, sodass man es kaum sieht. Bei Ekel verzieht sich die Oberlippe, die Nase kräuselt sich, die Augen werden schmaler.