Interview Mathias Morgenthaler von Beruf+Berufung

«Jetzt habe ich weniger materiellen Erfolg, aber mehr Klarheit»

vom 14. und 21. Juli 2018

Mit 24 Jahren angelte sich Rolf Locher einen prestigeträchtigen Vertreterjob, mit 25 Jahren eröffnete er sein erstes eigenes Herrenmode-Geschäft in Burgdorf, bald darauf zwei weitere. Dann landete der Überflieger hart auf dem Boden der Realität und erhielt zum 30. Geburtstag per Post die Nachricht von der Konkurseröffnung. Die nächsten 30 Jahre kämpfte er mit viel Aufwand gegen das Gefühl an, ein Versager zu sein. Nun hat sich der 60-Jährige entschieden, sich beruflich nur noch dem zu widmen, was ihn auch persönlich weiterbringt.

Herr Locher, Sie waren beruflich in jungen Jahren sehr erfolgreich …

ROLF LOCHER: … das mag sein, ja, aber ich war erfolgreich in fremder Angelegenheit. Eigentlich bin ich 30 Jahre lang vor meiner inneren Unruhe und Unsicherheit davongerannt. Ich dachte, wenn die Fassade schön glänzt und ich viel leiste, stellt sich irgendwann so etwas wie Zufriedenheit ein. Aber so war das nicht.

Wie haben Sie in der Arbeitswelt Fuss gefasst?

Als Kind hörte ich von meiner Mutter immer wieder den Satz, jetzt beginne das Leben B. Beim Übertritt vom Kindergarten in die Schule: Jetzt fängt das Leben B an. Am Ende der Schulzeit: Achtung, ab jetzt Leben B. So wurde mir klar: Hinter mir liegt das lustige Leben, nun kommt der Ernst des Lebens. Mit 15 Jahren hatte ich keine Ahnung, was aus mir werden sollte. Der Berufsberater wusste auch nicht weiter und meinte, körperlich anstrengend sollte es nicht sein. Also orientierte ich mich an einem älteren Kollegen und absolvierte eine Lehre in einem Herrenmodegeschäft in Bern. Im Rückblick muss ich sagen: Das passte ganz gut. Ich perfektionierte die Fassade, wahrte den schönen Schein.

Lange hielten Sie es allerdings nicht aus.

Nein, ich war ja auf der Flucht vor mir. (Lacht) Mit 20 arbeitete ich im Service in einer Confiserie in Biel und verliebte mich in eine Westschweizerin. Als ich wenig später wieder in einem Herrenmodegeschäft arbeitete, erinnerte ich mich daran, dass ich als Kind doch hohe Ziele gehabt hatte, Abenteuer erleben und für Gerechtigkeit einstehen wollte. Warum also nicht Polizist werden? Ich bestand die Aufnahmeprüfung bei der Polizei, heiratete mit 21 Jahren meine 19-jährige Freundin. Als meine Freunde mir klar machten, was sie von Polizisten hielten, quittierte ich den Dienst noch vor dem ersten Arbeitstag. Ich wurde kein Polizist, aber hatte mit 22 Jahren schon eine Scheidung hinter mir. Und das dominierende Gefühl war, dass ich dem Leben hinterherrannte. Mangels anderer Ideen stieg ich wieder ins Modegeschäft ein. Mit 24 Jahren wurde ich jüngster Ländervertreter der renommierten Seidenweberei und Krawattenfabrik Alpi.

Wie haben Sie das geschafft als junger, unsicherer Mann?

Ich verstand es, meine Unsicherheit mit einem gewinnenden Auftreten und jugendlicher Arroganz zu tarnen. Als ich vom abtretenden Vertreter erfuhr, dass seine Stelle zu vergeben ist, schickte ich eine ausgefallene Bewerbung ab und reiste ihr 700 Kilometer hinterher zum Mutterhaus in Krefeld, was die Chefs dort ziemlich beeindruckte. Der Glamour der Modewelt, wo die Vertreter teure Autos fuhren und Champagner tranken, war eine tolle Alternative zu meiner inneren Leere. Das war kein Leben B, sondern Luxus und Abenteuer, entsprechend kniete ich mich in die Arbeit und war überzeugt, dass mir die Welt offenstand und es keine Grenzen gab. Nur so kann ich mir erklären, dass ich mit 25 Jahren zusätzlich zu meinem Vertreterjob noch ein eigenes Modegeschäft in Burgdorf eröffnete, ohne meinen Arbeitgeber zu informieren.

Wie kamen Sie zu einem eigenen Laden?

Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einem Geschäftsmann in Burgdorf, der mir von einer leer stehenden Ladenfläche erzählte und sagte, er würde sich freuen, wenn ich dort Herrenmode verkaufen würde. Ich meldete Bedenken wegen der Finanzierung an, aber er meinte, da finde man eine Lösung. Er begleitete mich zur Bank, bürgte für mich, meine Eltern halfen mit, indem sie die Hypothek aufs Haus erhöhten. So kauften wir Ware ein, meine Partnerin übernahm die Geschäftsführung, ich organisierte, improvisierte und engagierte lokale Prominenz als Werbeträger: den Wirt, den Polizisten, den Pfarrer. Die Geschäfte liefen grossartig. Nach einiger Zeit bot mir ein bekannter Schuhhändler in Spiez Räumlichkeiten für ein zweites Geschäft an, ich bastelte einen Businessplan und bekam bei der Bank problemlos einen zweiten Kredit – es waren die boomenden Achtzigerjahre, da dachte man, die Bäume wüchsen in den Himmel. Schliesslich eröffnete ich zusätzlich noch einen Jeansladen in Burgdorf. Ich war einer der Überflieger der Stadt, feierte am Wochenende Partys, bereiste unter der Woche als Aussendienstler die Schweiz und fühlte mich ein wenig wie einer der verwegenen, wagemutigen Typen aus den TV-Serien «Denver Clan» oder «Dallas».

Und dann wurden Sie eingeholt von der Realität.

Ja, eines Tages sagte der Verantwortliche der Bürgschaftsgenossenschaft zu mir: «Herr Locher, Sie sollten jetzt konsolidieren.» Dann zitierte mich der Bankberater zu einem Gespräch, forderte, dass ich Korrekturen vornehme. Ich antwortete ihm, ich würde meine Erfolgsgeschichte weiterschreiben, mit ihm oder ohne ihn. Dann teilte er mir knapp mit, er erwarte die Rückzahlung des Kredits innert 30 Tagen. Ich verstand die Welt nicht mehr. 750’000 Franken Umsatz hatte ich im ersten Jahr erzielt, die Geschäfte liefen doch gut. Dass ich die Kosten nicht im Griff gehabt hatte, dämmerte mir erst allmählich. Zwei Kredite im Umfang von rund 400’000 Franken waren eine zu grosse Hypothek, zumal mein Unternehmen keine Gesellschaftsform hatte, sondern ich privat für alles haftete. Als ich wenig später mit lauter älteren Herren an einem runden Tisch sass, Vertretern eines Bankkonsortiums und dem Liquidator, wurde mir bewusst, dass ich kein Überflieger war, sondern ein Versager. An meinem 30. Geburtstag erhielt ich per Post die Nachricht von der Konkurseröffnung.

Wie haben Sie den Tiefschlag weggesteckt?

Ich stand von einem Tag auf den anderen mit 750’000 Franken Schulden da. Zunächst hatte ich grosse Angst, man würde mir alles wegnehmen – ich ging vorsichtshalber ohne Armbanduhr zur Konkursverhandlung. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich zum Glück nicht, der Liquidator war sehr human, am Ende tröstete er mich sogar, indem er auf die Migros-Filiale nebenan zeigte und sagte: «Gottlieb Duttweiler ist in jungen Jahren auch in Konkurs gegangen – und es hat ihm nicht geschadet.» Mir half das in dem Moment wenig. In einer Stadt wie Burgdorf kannte jeder jeden, ich traute mich kaum mehr aus dem Haus, schleppte mich mit Suizidgedanken durch die Tage und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Wie haben Sie sich wieder zurückgekämpft?

Eine solch einschneidende Erfahrung wird man nie mehr ganz los – der Geschmack des Scheiterns hat mich die letzten 30 Jahre stets begleitet. Mir half es, dass ich in der schwierigen Zeit nach dem Konkurs meine heutige Frau kennen lernte, das gab mir neue Perspektiven, einen neuen Lebenssinn. Sie half mir zu erkennen, dass ich nicht auf der ganzen Linie ein Versager war, sondern schlicht zu wenig von Buchhaltung und Geschäftsführung verstanden hatte. Eigentlich hatte ich eine gute Nase für Geschäfte und fand leicht den Kontakt zu Kunden. So absolvierte ich eine Ausbildung am Institut für Jungunternehmen und lancierte die erste fahrende Textilagentur. Während andere Vertreter Bestellungen aufnahmen und die Ware viele Wochen später lieferten, hatte ich das ganze Sortiment in einem grossen Wagen gleich dabei. Die Idee wurde sehr gut aufgenommen, das half mir endgültig wieder auf die Beine.

Und danach schrieben Sie mit aller Kraft an der Erfolgsgeschichte des jungen Modeunternehmers weiter?

Ich spürte immer noch diese Zerrissenheit zwischen Getrieben-Sein vom Bedürfnis nach Erfolg und Anerkennung auf der einen und der inneren Leere auf der anderen Seite. Auch die Unsicherheit begleitete mich weiterhin, unabhängig von den Erfolgen am Markt. In all den Jahren träumte ich vom Auswandern, schaute mir Objekte an in Frankreich, Italien und Spanien, aber es kam nie etwas zustande. Viel geändert hätte es vermutlich nicht, sich selber entkommt man ja nicht so leicht. Um die Jahrtausendwende fragte ich mich grundsätzlich, was mich genau in der Modebranche hielt: Ich war im Fernsehen gewesen, in der «Bilanz», hatte mir wieder einen Namen gemacht, aber auch weitere schmerzhafte Erfahrungen gesammelt. Ich wollte raus aus dieser Welt des Scheins, hatte aber für nichts einen Leistungsausweis ausserhalb der Modebranche und wusste wenig von mir. Da erinnerte ich mich an die Worte eines Strellson-Managers, der mir vom Feuerlaufen erzählt hatte, machte diese Erfahrung selber und nahm die Ausbildung zum Mentaltrainer in Angriff.

Das mag Ihnen neue Erkenntnisse, aber vermutlich kein stabiles Einkommen gebracht haben.

So war es. Ich hielt mich mit kleinen Jobs über Wasser, zunächst ein Mandat bei Navyboot, dann als Versicherungsvertreter und schliesslich führte ich eine Saison lang das Kurhaus auf dem Balmberg. Die letzte Aufgabe tat mir gut, dieses einfache Leben, die Ruhe, die Konzentration auf das Dienen, die Gastgeberrolle – ich hatte als Kind sehr gerne bei meiner Tante mitgeholfen, der die Gurtenstube am Fuss des Berner Hausbergs Gurten gehörte. Bis Ende letzten Jahres lebte ich einen Mix aus klassische Mandaten, die Geld einbrachten, und punktuellen Angeboten im Bereich Persönlichkeitsentwicklung. Anfang dieses Jahres habe ich mich entschieden, mich auch beruflich ganz dem zu widmen, was mich persönlich weiterbringt respektive näher zu mir. Ich wollte nicht mehr dem Geld und Erfolg nachrennen und die Versagensängste verdrängen, sondern mich der Einsamkeit und den Ängsten stellen und daran wachsen.

Eines Ihrer Seminarangebote heisst «Lachen mit Locher». Was haben Menschen davon, sich zum «Grundlosen Lachen» zu versammeln?

Als ich vor 20 Jahren im deutschen Fernsehen das erste Mal Lachyoga sah, dachte ich: «Was für ein Seich, wer braucht denn so was?» Ich fühlte mich gleichzeitig abgestossen und angezogen davon und absolvierte schliesslich drei Monate später die Trainerausbildung in Köln. Danach gründete ich einen eigenen Lachclub mit dem Ziel, Solothurn zur Lachhauptstadt der Schweiz zu machen. Die Medienresonanz war gross, der Kundenzuspruch sehr überschaubar. Viele tun sich schwer mit dem Gedanken, so etwas Natürliches wie Lachen künstlich zu erzeugen, zu forcieren. Nach jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Thema weiss ich aber: Lachen ist eine Kur für Körper, Geist und Seele. Es entspannt uns und aktiviert unsere Selbstheilungskräfte, unabhängig davon, ob wir es spontan tun oder ohne Grund. In den Lachgruppen und Seminaren zeigt sich, dass die Leute mit grundlosem Lachen keineswegs an der Oberfläche bleiben, sondern sehr in die Tiefe gehen.

Was meinen Sie damit?

Lachen berührt sehr viele Lebensaspekte. Es schult uns darin, Kontrolle abzugeben, sich und die Umstände nicht so tierisch ernst zu nehmen. Wir können dabei üben, aus der Rolle zu fallen, unseren Körper, unsere Kraft zu spüren. Lachen erschüttert uns buchstäblich und bringt uns wieder in Berührung mit inneren Anteilen, die womöglich verschüttet waren.

Haben Sie auf diesem Weg gelernt, Ihre Unsicherheit und Unruhe abzulegen?

Seit ich nicht mehr getrieben bin, Erfolg zu haben und meine Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, haben andere Dinge mehr Raum eingenommen. Ich meditiere regelmässig, übe mich darin, Stille und damit auch mich selber auszuhalten. So spüre ich mehr und mehr, dass ich einfach sein darf und nicht permanent etwas tun muss. Vielleicht klingt das kitschig, aber kürzlich bin ich auf dem Balkon gesessen und habe gedacht: «Es ist alles gut, wie es ist. Ich fühle mich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht mehr einsam, obwohl ich so viel Zeit allein verbringe wie noch nie in meinem Leben.» Ich mag den Wechsel zwischen Stille und lautem Lachen. Deshalb habe ich den Lachclub in Solothurn reaktiviert, wir treffen uns da alle drei Wochen am Sonntag.

Macht es Ihnen keine Sorge, dass Sie heute weniger verdienen?

Es war wichtig und wohltuend, mein Leben zu entrümpeln, Dinge zu verkaufen oder wegzugeben, Raum zu schaffen. Ich hatte zu lange versucht, wieder aufzurüsten und so gegen das Gefühl des Scheiterns anzukämpfen. Jetzt habe ich losgelassen, habe weniger materiellen Erfolg, aber viel mehr Klarheit. Ich bin auf eine gute Weise ernüchtert, näher bei mir, und weiss, dass das Früchte tragen wird. Schön ist, dass ich nichts mehr darstellen, kein Verkäufer mehr sein muss. Ich weiss, dass viele andere mit ähnlichen Themen unterwegs sind, und freue mich darauf, einige von ihnen dabei zu begleiten.

Haben Sie konkrete Ziele für die nächste Zeit?

Derzeit leiste ich einen halben Tag pro Woche Freiwilligenarbeit, gebe verschiedene Seminare und arbeite mit Führungskräften, die sich mit Leistungsdruck und Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen wollen. Und vor allem nehme ich mir viel Zeit für mich. Einen Traum gibt es: Ich habe erfahren, dass die Stiftung Hostelleria Vejo, die im Maggiatal alte Häuser besitzt, einen Hüttenwart sucht. Da wäre ich mitten in der Natur, in der Stille, und könnte gleichzeitig Gastgeber sein – ich stelle mir das wunderbar vor.